attwengernew album attwenger clubs Presse Hart, aber herzlich

Attwenger sprechen mit Christian Pichler (Oberösterreichische Nachrichten) über Kleinkariertheit, Politik und Pop.


Ein "Definitionsverwirrungsinstitut"

Der neue Tonträger "sun" der Linzer Attwenger ist ein klares politisches Statement. Zudem eine raffinierte Thematisierung von alltäglicher Schizophrenie zwischen Hektik und Lethargie. Am Freitag treten Attwenger in Vöcklabruck auf (Jazzkantine, 21 Uhr), am 29. Mai im Linzer Posthof.

OÖN: Zitat aus der aktuellen Single "kaklakariada": "diese gaunzn patriotn/ nationale idiotn/ bitte saz so guad und stöts eich/ in a schwimmbod aufn bodn/ und pinkelz bis zum hois/ eich olle gegnseitig au." Das klingt weniger nach kritischer Analyse als nach Zorn?

Markus Binder: Also die Assoziation mit Zorn, die find' ich okay. Ich sag' so, mit dem Song ist schon auch die aktuelle politische Lage gemeint, zugleich soll er die Qualität haben, über die Situation in Österreich hinaus weiterdenkbar zu sein. In Deutschland hätte er auch seine Berechtigung, oder in Italien.

Hans-Peter Falkner: Des Liadl soit a in zehn Johr no sei Gültigkeit hom.

Binder: Sicher geht's um ein konkretes gesellschaftlich-politisches Problem. Wenn die Welt aus einem zu engen Rahmen betrachtet wird, führt das schnell zu Ressentiments. Das wird in der Zeile "des eigene feiern/ des aundare negiern" angesprochen: Der Patriotismus schließt viel aus. Diese Selbstbezüglichkeit ist für keinen gut, auch der Kleinkarierte leidet unter seinem paranoiden Zustand.

OÖN: Ich schleppe ja selbst genug Kleinkariertes mit mir rum.

Binder: Des is wurscht. Das Lied richtet sich an jeden, der sich angesprochen fühlt. Klar, es ist immer leicht, nur die anderen für deppat zu erklären.

OÖN: Sind Attwenger eine deklariert politische Band?

Falkner: Alles ist politisch, alleine, wie und wo wir auftreten, bei welcher Plattenfirma wir sind. Das müssen wir nicht extra sagen. Wir müssen nicht ständig mit einem Yes- oder No-T-Shirt rumlaufen. Attwenger sind ein politisches Statement, seit es uns gibt.
OÖN: Nummern wie "rehn 2" oder "mei bua" klingen für meine Ohren fast wie Pop.

Binder: Das les' ich jetzt auch öfter in die Zeitungen, dass durch die Zusammenarbeit mit Couch oder Fred Frith ein Pop-Zusammenhang hergestellt wird. Auf der anderen Seite frage ich, was ist an Attwenger nicht Pop? Die Industrie definiert relativ klar, was Pop ist. Mit Gitarre isses eher Pop als mit der Quetschn. Aber damit haben wir nichts zu tun, dieser Mainstream-Pop interessiert mich sowieso nicht. Pop oder Volxmusik mit dem deppaten X, des is mir völlig wurscht. Attwenger verstehen sich auch als ein Definitionsverwirrungsinstitut.

Falkner: So wie der Felix (zeigt auf den anwesenden OÖN-Fotografen Felix Nöbauer). Der Felix verwendet Effektgeräte, die hat es so vorher nicht gegeben, die hat er selber gebaut. Der legt dir immer wieder ein neues Kastl her. Der baut wie Attwenger irgendein selbst gemachtes Schanierl ein in ein Teil. So schaut's aus!

CD des Tages: "sun", scho schen
"muamen", das erste Lied des frischen Attwenger-Runds "sun" (Hoanzl), meint das Murmeln, das typisch männliche, in den Bart brummende Reden, auch wenn da kein Bart ist. Und es muamen nicht nur Mauna, dass die vorliegende CD sche is wia de Sun, die scheint.

Binder und Falkner finden mehr Worte als beim reduzierten Vorgänger "Song", was nichts an der strukturellen Form der rhythmischen Wiederholung, dem Kreisen der Gedanken um sich selbst, der Melodiewerdung des Textes ändert.
Binder-gebürtige Gstanzl-Elektronik ("kalender"), die bis zum perkussiven Minimal-Industrial ("gedscho") reicht, wechselt mit typisch Attwengerischem (straffer Beat, traditionelle Ziehharmonika-Grundierung). Dazu kommt das Live-Zusammenspiel mit dem Boban Markovic Orkestar, was zu einem gepfefferten, weltmusikalischen Balkan-Mariachi führt. In einer endlosen Zeitschleife steckt "rehn1", was wir erwähnen, weil darauf die hinterfotzige Hitfassung "rehn2" folgt. "mei bua" könnte "Hey Joe" sein, muamen Mauna, die auf Hendrix stehen. Mei schen. (beli)

OÖN vom 17.04.02
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