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Gespräch mit Bernadette Hengst (Junge Welt) über das Album Sun.


Attwenger sind ortlos. Sie benutzen zwar die österreichische Sprache und damit assoziierte Instrumente (Akkordeon, Schlagwerk und Mundart Gesang), sind aber Lichtjahre entfernt von jeder nationalistisch vor sich hin dümpelnenden Volksmusik. Was Attwenger damit auf ihrem bei Trikont erschienenen 5. Album "Sun" erreichen, klingt überraschend modern und leichtfüßig. Sie sprengen Raum und Zeit, erheben sich damit über einen "klakariada" europäischen Musikdiskurs und katapultierten sich mit "Sun" trotz oder gerade wegen ihrer politisch-avantgardistischen Haltung direkt auf Platz 10 der österreichischen Charts. Bernadette Hengst legte eine digitale Leitung von Hamburg nach Linz/Österreich und erfuhr so von Markus Binder (Schlagwerk/Gesang) mehr über den sich ereignenden Zustand hinter Attwenger.

1. Eure neue Platte ist so komplex, daß man sich zwar über vielerlei Dinge wundert, aber am liebsten beim Wundern bleiben möchte. Ist Abstraktion Euer liebstes Anliegen?

M.B.: Geht mir selbst auch immer wieder so mit dieser unserer Musik, vor allem auch während der Arbeit an "Sun" habe ich mich oft gewundert darüber, was sich da alles so entwickelt hat, aber ich möchte diese Überraschungen ja auch nicht missen, weil sonst wärs ja langweilig, wenn Attwenger-Musik zu machen nicht bedeuten würde, etwas zu machen, was vorher noch nicht gemacht worden ist.

2. Zu den Texten: Ich bin immer hin und her gerissen zwischen verstehen wollen oder die Stimme einfach als Instrument zu hören. Der Begriff Dada ist Euch bestimmt auch schon öfter um die Ohren gehauen worden?

M.B.: Yes, das isser. Zu Dada fällt mir in Bezug auf Sun jetzt aber eher die Collage ein, die ich fürs Cover innen gemacht habe. So ähnliche Sachen haben die Dada-Leute in den 20er Jahren gemacht, vor allem die Photomontagen von Hannah Hoech finde ich da ganz super. Heißt für mich aber auch, daß wie bei Dada die Textgeschichte immer in einem engen Zusammenhang mit einer visuellen Geschichte steht. Das ist bei den meisten Sun - Texten auch so, und daß die reduktionistische Art des Textens im Dialekt eine Assoziation zu Dada-Texten hervorruft, das kann ich mir vorstellen.

3. Die Musik auf Sun trägt die Worte eher wie Hip Hop oder R&B als auf euren frühen Hard Core-orientierten Platten. Diese Leichtigkeit und gleichzeitig Stoischkeit erinnert mich manchmal an Krautrock Bands der 70er, wie z.B. Can.

M.B.: Lobender Vergleich, wirklich. Finde die Sachen, wo die Can so dahingrooven mit diesem reduzierten Gesang very cool. Möchte mir bei allem Respekt aber doch erlauben zu bemerken, daß ich unsere Texte dann doch irgendwie interessanter finde. Musikmäßig finde ich die Can schon um einiges relaxter, aber das war ja auch in den 70ern und vielleicht kommen wir ja auch noch mal in so ein entspanntes dahinspielen rein. Zeit haben wir ja.

4. "Kaklakariada" (übersetzt: kein Kleinkarierter) ist ein wunderbares Wortspiel, das ich auch ausnahmsweise verstehe. "Diese ganzen Patrioten, nationale Idioten, das eigene tuns feiern, das andere negieren." Siehst du einen Zusammenhang zwischen dem Rechtsruck in Österreich und ganz Europa und der neuen Bereitschaft, in den Krieg zu ziehen?

M.B.: Klar. das eine führt zum anderen. Die zunehmende Mitwirkung von Rechtsextremen in europäischen Demokratien führt nicht nur zur Verschärfung sozialer Spannungen und Konflikte auf regionaler Ebene, sondern auch dazu, daß Kriegslüsternheit locker aus der Hüfte rausgeknallt wird. Wie fatal sich die Etablierung rechts gerichteten Denkens inmitten einer sich für aufgeklärt haltenden Gesellschaft auswirken kann, wird an der nach den Anschlägen von 9/11 wieder aufgekommenen Theorie deutlich, nach der es sich hier um das Ergebnis eines Clashes von Zivilisationen handle, eine abenteuerlich abwegige westliche Geisteskonstruktion, aufgebaut auf Ressentiments, angelegt auf Konfrontation.

5. Eins meiner Lieblingslieder ist ja auch "Rehn1" und "Rehn2". Ich verstehe zwar immer noch nicht genau, was du mit dem Refrain meinst (es klingt wie Rain, aber auch wie reden), also bitte klär mich auf, auch warum es zwei Versionen gibt, wobei die zweite noch schöner ist durch den sexy Frauenchor.

M.B.: Rehn = reden, I hea eam rehn = Ich höre ihn redenDie Rain - Assoziation finde ich sympathisch, weil das Stück so was flüssig-bluesiges an sich hat. Und anstatt: ich höre ihn reden zu verstehen: ich höre den Regen, das paßt gut. Zu Rehn2 kam es so: ich hörte die letzte CD von Couch "profane" und hatte zu der Zeit noch etwas Rehn-Text übrig, der aber für Rehn1 schon too much war. Dann fügten sich im Kopf die überschuessigen Rehn-Strophen mit dem Track 2 "Alle auf pause" von Couch ganz easy zusammen, so hat sich Rehn2 ergeben.

6. Wie kommt es, daß ihr in Österreich in den Charts auf Platz 10 wart? So etwas kann ich mir in Deutschland überhaupt nicht vorstellen.

M.B.: Das kommt davon, daß die in der ersten Woche gleich mal 2500 Stück "Sun" verkauft haben und das war in dieser Woche eben das Zehntmeist-verkaufte Album von ganz Österreich. Auf Platz 11 übrigens: Robbie Williams. In Deutschland kann ich mir so etwas auch nicht vorstellen, weil es der 3.größte Musikmarkt worldwide und Österreich wahrscheinlich in etwa der 73.größte ist.

7. Wie waren Eure zahlreichen Konzert Erfahrungen in anderen Ländern?

M.B.: Immer ein Gewinn. Stell dir vor, du sitzt so wie wir vor ca. einem Jahr an einem lauen März-Abend zusammen mit 400 anderen Leuten in einem kleinen, runden Stadion in Lahore, Pakistan und hörst und siehst einem indischen Sänger zu und merkst, daß du einfach verzaubert bist. So etwas ist schon sehr super. Bei unseren Auftritten in Pakistan, aber auch in Zimbabwe, Malaysien, Sibirien oder Vietnam waren die Leute durchwegs freundlichst interessiert, wobei mir bis heute unklar geblieben ist, was unserem Publikum in Vietnam so durch die Köpfe gegangen sein mag, als wir 98 im Saal der Revolution in Ho-Chi-Minh-City gespielt haben. Bei der Gelegenheit möchte ich die geschätzte Leserschaft darauf aufmerksam machen, das wir höchstes Interesse daran haben, Konzerte auf Cuba oder in Mexiko zu spielen. Falls jemand von konkreten Möglichkeiten in diese Richtungen weiß, würden wir uns über eine Nachricht an attwenger@attwenger.at sehr freuen. 

Junge Welt vom 16. Mai 2002